Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen - Last oder Lust? - KERN

Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen – Last oder Lust?

Interview mit Nils Koerber, Gründer von KERN – Die Nachfolgespezialisten – zum Thema “Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen”

Herr Koerber, warum fällt Familienunternehmern das „Loslassen“ eigentlich so schwer?

Nils Koerber: Die Antwort ist für jeden Übergeber einer Firma vielschichtig und individuell. Was wir in unserer täglichen Arbeit mehrheitlich feststellen können, sind drei wesentliche Hintergründe.

  1. Es fehlt dem älteren Unternehmen ein neues Ziel. Eine Vision von einem neuen Leben nach dem Unternehmen, welche ihn motiviert diesen Schritt zu gehen.
  2. Egal ob ich meine Firma verkaufe oder Kinder die Nachfolge übernehme: Viele Entscheider fühlen sich mit der Nachfolgefrage auch selbst in Frage gestellt.
  3. Fehlende oder lückenhafte Vorsorge machen es besonders den Inhabern kleinerer Unternehmungen schwer, genügend Einkünfte für den neuen Lebensabschnitt zur Verfügung zu haben.

Und was wäre der konkrete Tipp für eine Lösung?

Nils Koerber: Ich empfehle jedem Übergeber, sich mal für 1-2 Tage komplett aus dem Alltag rauszuziehen und in eigener Stille sich Fragen zu stellen.

  1. Was bereitet mir heute und zukünftig nachhaltig Freude?
  2. Was könnte der Sinn meiner Nachfolgelösung sein?
  3. Und was muss ich tun um diese Ziele zu erreichen?

Das klingt nach einer sehr persönlichen Herausforderung und Reflektionsfähigkeit?

Nils Koerber: Ganz bestimmt. Wer tagein tagaus über viele Jahre, sogar Jahrzehnte, verantwortlich in seinem „System“ Firma tätig war, nimmt sich selten schon früh die Zeit für diese gewichtigen Fragestellungen.

Aus unserer Sicht ist es aber genau das Prinzip der Eigenverantwortung, das unternehmerisch im Alltag gelebt wird. Für die ganz private Lebensplanung wird es jedoch häufig vergessen. Klingt ein wenig ungewöhnlich, aber es fällt Senior-Unternehmern wirklich schwer. Es ist wie etwas Neues zu lernen. Etwas Unbekanntes anzuschauen. Auch wenn ich es selbst bin.

Was würden Sie denn einem Unternehmer empfehlen, wenn Kinder Lust haben, eine Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen anzutreten?

Nils Koerber: Aus meiner eigenen Lebensgeschichte mit unserem früheren Familienunternehmen, mit meinen Eltern und Geschwistern, steht für mich die Freiheit dieser gewichtigen Entscheidung an erster Stelle.

Freiheit aus der Sicht der Eltern die übergeben und Freiheit aus der Sicht der Kinder die übernehmen.

Was meine ich damit?

Kinder sollten im Idealfall wissen und auch fühlen können, dass eine Übernahme des elterlichen Betriebes wirklich freiwillig erfolgen kann. Ich kann, ich muss aber nicht. Und es erfolgt auch kein Beziehungsdrama zwischen Eltern und Kindern oder sogar Liebesentzug. Ich kann als Kind wirklich frei entscheiden, ob ich mich dazu berufen fühle.

Und das gilt umgekehrt auch für die Eltern, die Übergeber einer Firma.

Die Unternehmung die alle ernährt, hat Anforderungen an zukünftiger Führung. Welche Qualitäten braucht es in der Führung? Und ist es dann wirklich der Nachwuchs der diese Aufgabe in der Zukunft erfolgreich lösen wird?

Sind die Kinder bereit ihre Ausbildungen und Qualifikationen danach auszurichten?

Und je nach Entwicklung sollten Eltern dann auch die Freiheit besitzen, sich ggf. anders zu entscheiden und ihren Betrieb zu verkaufen.

Das gilt es für beide Seiten zu akzeptieren.

Das klingt ja schon in den wenigen Sätzen nach Konfliktpotential und einem anspruchsvollen Umgang in einem Familiensystem.

Nils Koerber: Stimmt! Und gerade die besonders enge Beziehung von Familienmitgliedern macht diesen Entwicklungsprozess in der Nachfolgelösung schwer. Die Rollen in der Familie unterliegen einem komplett anderen Wertesystem als die Rollen und Ansprüche in einer Unternehmung.

Und genau da liegt die Schwierigkeit und birgt eine ganze Menge Konfliktpotential bei Unternehmensnachfolgen in Familienunternehmen.

Und wie kann es dann gelingen? Was wären die Optionen für den Beginn einer Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen?

Nils Koerber: Alle Betroffenen, Übergeber und Übernehmer sind langjährige Mitglieder einer Familie und unterliegen somit ganz bestimmten Glaubenssätzen und Projektionen. Wir empfehlen auf jeden Fall für diese Prozesse immer einen neutralen und sehr erfahrenen, externen Spezialisten und Moderator bzw. Mediator als Begleiter hinzuzunehmen.

Er hat dann die Aufgabe die richtigen Fragen zu stellen, helfen zu reflektieren und Sichtweisen zu übersetzen.

Das ist übrigens der gewichtige Grund, warum in unserer Beratergruppe fast alle Partner Zusatzausbildungen als Mediatoren und systemische Coaches in die Beratung mit einbringen können.

Und was empfehlen Sie, wenn Kinder nicht wollen, können oder dürfen?

Nils Koerber: Ein Trend, der inzwischen nach unserer Betrachtung für gut über 50% der deutschen Familienunternehmen der Alltag ist.

Ich lasse die Hintergründe an dieser Stelle außen vor und konzentriere mich für Ihre Leser auf die Lösung Ihrer Frage.

Wenn sicher ist, dass innerhalb einer Familie keine Lösung im Generationswechsel zu erwarten ist, stellt der Verkauf der Unternehmung auf jeden Fall eine gute Alternative dar.

Es heißt ja nicht, dass etwas nicht funktioniert, sondern in der jeweiligen Familie kann eben die Geschichte nicht weiter geschrieben werden. Es gibt aber viele andere Einzelpersonen oder Unternehmen, die mit Sicherheit Interesse an einer externen Nachfolgelösung haben. Und dahinter stecken i.d.R. und mehrheitlich immer wieder andere Familien.

Der Mittelstand bleibt also in familiärer Hand und die besondere Kultur von Familienunternehmungen wird in eine neue Familie überführt.

Und wie sehen Sie Nachfolgelösungen mit den Mitarbeitern in einer Firma?

Nils Koerber: Auch das kann eine tolle Lösung sein. Ein sogenannter MBO (management buy out) macht eine Nachfolge oftmals sogar leichter. Die leitenden Mitarbeiter der betroffenen Unternehmung kennen das Gebilde schließlich aus dem FF und benötigen häufig sogar keine große Einarbeitung oder Einweisung.

Da wissen beiden Seiten, Übergeber und Übernehmer, was sie erwartet und worauf es ankommt.

Zugleich kann die Finanzierung einer Transaktion eine solche Lösung auch besonders schwierig machen.

Woran liegt das?

Nils Koerber: Nicht jeder Mitarbeiter eines Familienunternehmens verfügt privat über die möglichen Mittel und kann eine eigene Finanzierung auf die Beine stellen. Wenn dann nicht der Übergeber bereist ist zu helfen, wird es mit der internen Nachfolge im Betrieb nichts.

Und wie könnte eine Hilfe aussehen?

Nils Koerber: Da gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Ich nenne mal zwei Modelle als sehr häufig gewählten Lösungsansatz:

  1. Ein Teil des Kaufpreises wird als Verkäuferdarlehen ausgewiesen und somit wird der Übergeber neben einer Bank zum weiteren Finanzierungspartner des Übernehmers.
  2. Die Anteile werden über die Jahre hinweg, Schritt für Schritt übertragen. Der Nachfolger kann sich somit einen Teil der Finanzierung versuchen selbst zu verdienen. Natürlich haben diese Modelle auch ihre Risiken. Die gilt es gegenüber einer externen Nachfolge durch fremde Käufer abzuwägen.

Wie entwickelt sich aus Ihrer Sicht der Markt der Unternehmensnachfolgen?

Nils Koerber: Wir haben gerade eine bundesweite, eigene Nachfolgestudie erarbeitet. Dabei haben wir die Altersklassen der Inhaber und die Anzahl der Betriebe in den deutschen Kammerbezirken näher unter die Lupe genommen.

So viel kann ich hier schon verraten: Die Lage ist ernster als wir es im Alltag wahrnehmen.  Aus unserer Sicht haben die politisch Verantwortlichen die aus der Welle der Unternehmensfolge in Familienunternehmen und die daraus resultierende volkswirtschaftliche Problematik bis heute nicht erkannt.

Durch die enorm hohe Kleinteiligkeit der Firmen und Strukturen, fällt dieser schleichende Prozess nicht sonderlich stark auf.

Über 90% der deutschen Firmen haben weniger als 25 Mitarbeiter. Und wenn die morgen verschwinden, fällt es erst nach Jahren und einem höheren Tempo der Firmenvernichtung wirklich in der Konsequenz auf. Gelingt der Generationswechsel in unseren Familienunternehmen nicht, ist unser Wohlstand bedroht.

Und was wäre dann die Lösung?

Nils Koerber: Die einzig allein glücklich machende Lösung gibt es nicht. Ich halte persönlich auch bei dieser Frage viel vom Prinzip der Eigenverantwortung. Wenn Unternehmer die Nachfolgefrage wirklich ernst nehmen und sie als größte unternehmerische Herausforderung schlechthin begreifen, sollte ein großer Teil aller Nachfolgefragen in Familienunternehmen lösbar sein.

Nur muss ich es wollen und mich darauf einlassen. Auch mit Zeit, denn unter Druck gelingen Unternehmensnachfolgen eher selten.

Und welche Unterstützung können sich Unternehmer suchen oder erhoffen?

Nils Koerber: Unternehmensnachfolge ist extrem komplex. Es betrifft juristische, wirtschaftliche, steuerliche und emotionale Fragestellungen. Und alles ist massiv miteinander verwoben.

Da kann ich als Firmeninhaber nicht alles selbst wissen und muss mir Experten suchen. Begleiter, die genau diese Erfahrung haben und wie bei einer anspruchsvollen Tour im Gebirge, mich als Bergführer sicher zum Ziel bringen. Ohne Absturz und idealerweise auch ohne Umwege.

Danke für das Gespräch.

Über Nils Koerber: Gründer und Inhaber von KERN – Die Nachfolgespezialisten in Bremen. Langjährig erfahrener Praktiker in allen Fragen der Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen. Spezialisiert auf den Unternehmensverkauf im Mittelstand und dem Generationswechsel im Familienunternehmen.

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Warum fällt Familienunternehmern der Generationswechsel so schwer?

Grundsätzlich gibt es drei Gründe, warum Übergeber so schwer loslassen können:
1. Dem Unternehmer fehlt eine Vision bzw. ein Ziel für die Zeit danach. Dieses wäre die entscheidende Motivation für diesen wichtigen Schritt.
2. Viele Firmenlenker fühlen sich mit der Übergabe auch selbst in Frage gestellt. Und zwar egal, ob Sie die Firma verkaufen oder an den Nachwuchs übergeben.
3. Fehlende oder lückenhafte Vorsorge. Besonders Inhaber kleinerer Unternehmungen haben dadurch Schwierigkeiten, weiter ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Welche Alternativen zum familieninternen Generationswechsel bestehen?

Hier gibt es im Grunde genommen zwei Möglichkeiten: Zum einen wäre hier der Unternehmensverkauf an einen externen Käufer zu nennen. Bei diesen handelt es sich häufig auch um Familienunternehmer. Dadurch bleibt die familiäre Unternehmenskultur erhalten. Zum anderen besteht die Chance des Verkaufs an einen Mitarbeiter, MBO (management buy out) genannt. Der leitende Angestellte kennt das Unternehmen und braucht so kaum Einarbeitung. Finanzielle Hürden lassen sich hierbei auch überwinden: Mit einem Verkäuferdarlehen wird der Übergeber neben einer Bank selbst zum Finanzierungspartner. Durch einen schrittweisen Verkauf der Anteile kann der Übernehmer das Kapital selbst erwirtschaften.